Blogbeitrag




Purpose ohne Pathos

Purpose ohne Pathos - Purpose pragmatisch gedacht

Timm Richter, 9. Dezember 2019

Purpose ist heute in aller Munde. Oft genug wird der Begriff bedeutungsschwanger aufgeladen und läuft damit Gefahr, zu einer modernen Ersatzreligion aufgebauscht zu werden, um dann nach kurzer Zeit als Modeerscheinung wieder vergessen zu werden. Das wäre schade, denn Purpose ohne Pathos ist äußerst praktisch für ein wert- und sinnvolles Zusammenleben.

Purpose bekommt man nur mit Risiken und Nebenwirkungen

Die Grundidee von Purpose ist die Idee, Annahme, Hoffnung, dass wir unseren Unternehmen und unserem Handeln eine Bedeutung geben können, die über uns hinausgeht; dass also alles einem höheren Zweck dient, der größer ist als wir. Der Purpose wird gedacht als eine Quelle der Selbstversicherung und Motivation von Menschen in Unternehmen, die von außen kommt und unabhängig von der eigenen Existenz gegeben ist.

Mir gefällt dieser altruistische Impuls des Nach-Außen-Schauens. Und vermutlich ist der implizite Altruismus auch der Grund, warum Purpose eine große Anziehungskraft auf Menschen ausübt, die bereits eine hinreichende materielle Absicherung haben und spüren, dass das irgendwie noch nicht alles sein kann. Wer einen solchen Purpose des Größer-als-man-selbst sucht, findet und verfolgt, geht dabei allerdings drei Risiken ein:

  • Größer heißt oft auch mehr. Viele Start-ups wollen nicht nur ein gutes Produkt oder einen guten Service anbieten, sondern die ganze Welt retten - oder mindestens ihren Markt dominieren. Drunter geht es nicht. Und deswegen werden oft genug aggressive Wachstumsziele verfolgt.

Natürlich sollte etwas, das gut ist, sich verbreiten und vielen Menschen nützen. Wenn man es allerdings mit dem Geltungsanspruch des eigenen Purpose übertreibt, kann dieser schnell einen imperialistischen oder ideologischen Charakter annehmen.

  • Wenn man einen übergeordneten Purpose, das große Ganze, zu wichtig nimmt, kann man sich als Individuum schon fragen, wieweit man sich dieser Idee unterordnen möchte bzw. wo man Grenzen setzt. Führt das missionarische Verfolgen und die starke Identifikation mit einem Purpose dazu, dass man seine eigene Identität aufgibt und nur noch für diese eine Idee lebt? Und wenn es einem Unternehmen gelingt, mich für seinen Purpose zu begeistern, besteht dann die Gefahr der Selbstausbeutung? In übergriffigen Organisationen kann ein Purpose auch zum selbstgewählten Vorarbeiter werden, so dass es einen richtigen gar nicht mehr braucht.
  • Das dritte Risiko geht in die andere Richtung, nämlich dass ein Purpose nach außen kommuniziert, aber in Wirklichkeit nicht gelebt wird. In diesem Fall entsteht dann Zynismus, der zersetzend wirkt.

Um diese Risiken zu vermeiden, lohnt es sich, den Purpose mit Pragmatismus im Gemeinwohl zu verankern. Die Logik ist dabei für Unternehmen und Individuen unterschiedlich.

Purpose für Unternehmen: gute Zweckerfüllung als gesellschaftlicher Gemeinwohlbeitrag

Im Falle von Unternehmen kann man erst einmal (vermeintlich) kleinere Brötchen backen und mit den grundlegenden Dingen beginnen. Um überhaupt zu überleben, muss ein Wirtschaftsunternehmen nämlich ausreichend (nicht: maximal) Ertrag erzielen, um langfristig sämtliche Kosten des Wirtschaftens (laufende Kosten des Betriebes, Innovation, Kapitalzins, Risikoversicherung) zu decken. Dafür braucht es, genau: Kunden. Peter Drucker sagte dazu: „There is only one reason for a business: the customer.“ Hauptzweck (Purpose) für Wirtschaftsunternehmen ist es also, Produkte und Services zu liefern, die nachgefragt werden. Das ist ihr Hauptbeitrag zur Gesellschaft. Und genau für die Erfüllung dieses Beitrages zum Gemeinwohl gibt wird überhaupt die rechtliche Konstruktion Unternehmen (z.B. das Unternehmen als juristische Person und die beschränkte Haftung) zugelassen.

Gleichzeitig müssen Unternehmen Nebenbedingungen erfüllen, um ihre gesellschaftliche Legitimation, Prof. Timo Meynhardt würde sagen „License to operate“, zu erhalten. Wenn Unternehmen durch die Art ihres Wirtschaftens Gemeinwohl fördern, steigt ihre Akzeptanz. Ein (zu starker) Verstoß gegen gesellschaftliche Gemeinwohlerwartungen führt zu wirtschaftlichen Konsequenzen, im schlimmsten Fall zur Insolvenz.

Mir würde es reichen, wenn Unternehmen ihren Purpose sehr pragmatisch darin sehen, nachgefragte Produkte und Services auf eine Weise zu liefern, die ihnen Respekt aus der Gesellschaft einbringt. Und das ist schon schwierig genug.

Purpose für den Arbeitnehmer: Selbstentfaltung als Gemeinwohlbeitrag

Aus einer individuellen Perspektive gibt es zwei Phänomene, die wir mit „größer“ als das eigene bewusste Ich bezeichnen können: unser „wahres“, inneres Ich, das es zu entdecken gilt, sowie Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Menschen. Dementsprechend ergibt es für uns Sinn, unserer eigenes Potenzial zu entfalten und mit unseren Fähigkeiten einen Beitrag zur Gemeinschaft zu liefern. Sinn ergeben heißt auch, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Potenzialentfaltung bedient das Bedürfnis nach Selbstachtung und Selbstvertrauen, Hilfsbereitschaft sorgt für Verbundenheit.

Im Unternehmenskontext bedeutet dies, dass man bereits dann ein großes Purpose-Angebot macht, wenn die Mitarbeiter ihr Potenzial in einem kollegialen Umfeld gemeinsam entfalten können.

Also: Pragmatischer Purpose = klassischer Unternehmenszweck + Good Citizenship als Unternehmen + Ermöglichung individueller Potenzialentfaltung + Kollegialität



Wer mehr darüber lernen möchte, wie man mit welchen Hebeln in neuen Organisationsformen etwas bewirken kann, ist herzlich eingeladen, am Seminar Agilität & Organisation von Simon, Weber & Friends teilzunehmen. Mehr Infos gibt es hier.

Teaser Agiltät und Organisation